Bedienungsanleitungen….

….sind so eine Sache. Ich persönlich lese sie nicht gerne. Am liebsten habe ich Dinge, die sich selbst erklären und bei denen ich bereits beim ersten Mal hinsehen instinktiv weiß, wie sie funktionieren. Oft ist das auch so. Manchmal jedoch eben nicht. Dann heißt es sich aufraffen und geduldig Seite um Seite eines, oftmals sehr dicken Heftchens zu lesen (ich lese ungern riesen Textmengen wenn es sich nicht gerade um ein spannendes Buch oder eine, für mich interessante Studie handelt.)
Wie gesagt, ich mach das eigentlich nur wenn es nicht anders geht.

Manchmal jedoch kann es durchaus hilfreich sein eine Bedienungsanleitung zu lesen.

Vor allem dann, wenn es einen selbst betrifft. Das lerne ich in den vergangenen Monaten. Seit der Erkenntnis, dass mein Therapeut vor 8 Jahren zwar auf der richtigen Spur war, leider aber doch haarscharf daneben gelegen hat mit seiner Ad(h)s-Vermutung, eröffnen sich mir neue Welten im lesen sämtlicher Bücher, die ich über das autistische Spektrum finden kann. Ich lese und lese und begreife so langsam, warum Dinge sind wie sie sind. Warum ich an Grenzen stoße, die für andere scheinbar mühelos zu überwinden, oder für sie auch einfach gar nicht vorhanden sind. Warum ich manches nicht verstehe, so sehr ich mich auch bemühe. Viele Konflikte in meiner Kinder-, Jugend-, und Jungen-Erwachsenen-Zeit erklären sich plötzlich. Zerbrochene Freundschaften und Beziehungen machen einen Sinn, auch wenn sie deswegen nicht weniger schmerzhaft sind.

Fast ist es so, als hätte ich meine persönliche Bedienungsanleitung gefunden. Ich lese und denke mir: „Auch so ist das! Ah, ok, und dass ist auch vollkommen normal für Menschen wie mich, muss ich mir also keine Gedanken mehr machen, dass mit mir etwas nicht stimmt, ich bin damit nicht allein! Ach und wenn ich da drauf drück, dann passiert also das…hmm… ja stimmt, doch eigentlich passiert das dann immer… spannend!“
Das erste Mal in meinem Leben fühle ich mich angekommen und verstanden. Alles macht Sinn und eine tonnenschwere Last wird Stück für Stück von meinen Schultern genommen die hauptsächlich aus Brocken bestand auf denen so Worte und Sätze standen wie: „Unfähig“, „nicht gut genug“, „zu wenig angestrengt“, „wieder nicht geschafft“, „überempfindlich“, „du strengst sich nicht genug an“ „das musst du jetzt halt einfach aushalten“, etc.

Es tut gut zu verstehen, dass man nicht „falsch“ ist, sondern einfach „nur“ anders. Gleichzeitig macht mir dieses „Erwachen“ mein Leben im Moment nicht leichter. Eher im Gegenteil. Es macht mich nachdenklich, dünnhäutig, empfindlich und unendlich müde. Als würde ich so langsam merken wie viel Kraft mich die letzten Jahrzehnte wirklich gekostet haben.

Ich habe mein, bis dato 43 Jahre währendes, Leben bislang damit verbracht in einer Welt zurechtzukommen in der mich die meisten Menschen erst einmal nicht verstehen, wenn ich wirklich bin wie ich bin. In weiten Teilen funktioniert dieses Zurechtkommen inzwischen auch hervorragend. Ich habe, von Kindheit an, Strategien entwickelt und erlernt, die mir dabei helfen nicht aufzufallen und so zu tun als wäre ich genauso wie die meisten anderen um mich herum. Masking nennt man das, wie ich inzwischen weiß. Masking…. Maskierung… Ja, dass passt. Und wie ja auch gewünscht bei einer Maskerade: Wie es hinter der Maske aussieht, ist ein Geheimnis. Mein Geheimnis.

Oftmals weiß niemand wie es mir in bestimmten Situationen geht, wie überfordert, müde, verzweifelt, überreizt, angespannt und erledigt ich wirklich bin. Wenige Menschen kennen mich wirklich, wissen wie es in mir aussieht, was ich wirklich brauche um mich wohlzufühlen

Ich versuche verzweifelt ein Bild aufrechtzuerhalten, das so nicht existiert. Eine Illusion zu erschaffen, um „geliebt“, anerkannt und akzeptiert zu werden. Eine Illusion um einen Platz in einer sozialen Gruppe zu haben, um dazuzugehören. Seit ich klein bin, möchte ich eigentlich nur das: irgendwo dazugehören.

Was soll ich sagen: Ich hab genau das geschafft…. aber um welchen Preis…

Ist es wirkliche ein „dazugehören“, wenn man es nicht (mehr) wagt sich so zu geben wie man wirklich ist, aus Angst, dann ausgeschlossen zu werden? Wenn man immer schluckt, wenn das, was für einen wirklich wichtig wäre einfach ignoriert, wegdiskutiert oder mit Floskeln abgetan wird, wenn Toleranz zwar ein schönes Wort, die Umsetzung derselben aber scheinbar nicht wirklich gewünscht oder machbar erscheint. Und ich schlucke oft…. Oder spreche Dinge erst gar nicht mehr an, weil ich es einfach müde bin… wahrscheinlich neige ich darum auch zu Magenproblemen…

Im Moment sind es genau diese Themen, die mich umtreiben.

Ich erahne langsam wer ich eigentlich bin. Das es in Ordnung ist so zu sein, nein, dass es GUT ist, dass ich bin wie ich bin. Das mit meiner Art des Seins, Fähigkeiten verbunden sind und eine Verantwortung gegenüber mir und der Welt. Wie immer diese Verantwortung für die Welt auch zum Tragen kommen darf.

Die Verantwortung mir selbst gegenüber aber, die verträgt sich nicht mit meinem bisherigen Lebensstil. Ich kann und will diese dauerhafte Maskerade nicht mehr. Der Maskenball muss auch irgendwann einmal ein Ende haben. Ich möchte MICH zeigen, das Echte, nicht nur eine Illusion.

Mein Mann hat einmal einen klugen Satz zu mir gesagt: „Sei du Selbst der Mittelpunkt deines Lebens!“. Mein erster Impuls war es damals ihm zu widersprechen, entspricht diese Aussage doch so gar nicht meinem Blick auf das Leben, dass in meinem Fall meist darin besteht zwischenmenschliche und seelische „Blockaden“ in meiner direkten Umgebung zu orten, zu analysieren und, wenn immer möglich, das Grundproblem zu lösen, damit alles wieder ins Fließen kommt. Wenn ich dabei aber immer zuerst einmal mich, als meinen eigenen Mittelpunkt im Blick hätte, würde das nicht funktionieren. Ich muss ganz in die Gedankenwelt des Anderen eintauchen um die Möglichkeit zu haben die Problematik die vorherrscht wirklich zu durchdringen und zu verstehen, denn nur so kann ich meinen Teil zur Lösung beitragen. Ich muss mich also ausklinken aus dem Ganzen.

Das fällt mir ohnehin nicht schwer, da ich meist eh nicht weiß wie es mir akut geht… aber das nur am Rande.

Zurück zum, Zitat meines Mannes. Ich glaube so langsam, er hat doch recht, nur ich hatte das Zitat falsch verstanden. Wahrscheinlich ist mit „Sei du Selbst der Mittelpunkt deines Lebens!“ nicht gemeint: „Kümmer dich, ganz egoistisch nur um dich!“, sondern eher „Nimm dich und deine Bedürfnisse ernst. Sei du selbst und sorge gut für dich, wann immer es geht.“

Oder, wie mein Therapeut damals zu mir sagte: „Seien sie sich selbst eine solch liebevolle Mutter, wie sie es für ihre Kinder sind!“ Und was würde ich als Mutter anderes tun als meinem Kind zurufen:

“ Sei DU, nicht anders. Du bist ein Geschenk! Ein Königskind! Ein genialer Gedanke Gottes!. Nimm deinen Platz ein in der Welt und leuchte nach draußen mit deiner Einzigartigkeit, denn genau diese Einzigartigkeit macht dich zu einem unglaublich wertvollen und liebevollem Menschen. Du bist ein besonderes Kind und ich bin stolz auf dich!“

Denn genau so ist es! Und das gilt nicht nur für mich, sondern für jeden einzelnen Menschen auf dieser wunderschönen großen und bunten Erde!